Das Getriebe pfiff aus dem letzten Loch, und nach ausgiebigem chillaxen an Siziliens Stränden fuhren wir wieder nach Hause. Sobald wir wieder auf der Straße sind (mit neuem Auto) gibt’s neue Geschichten. Bis dahin: Fernweh.
Es geht steil bergauf, mit meiner Kondition geht es steil bergab. Wir gehen den Vulkan Etna hinauf. Eigentlich wollten wir zur Station Etna Nord, doch als wir an einer anderen Station anhielten um eine Karte über das Gebiet zu kaufen, erzählte uns einer der Betreiber der Station, dass die Tour hier viel interessanter sei, man sogar Lavafelder zu sehen bekommen würde. Brodelnde Lavaflüsse klingen wunderbar, denken wir, und starten. Was der nette Herr leider nicht erwähnte ist, dass es die gesamte Strecke über nur bergauf geht.
Wir gehen schmale Pfade entlang durch einen kleinen Birkenwald. Die Bäume lichten sich. Vor uns sehen wir Wolkenverhangen den Etna. Wir gehen durch Vulkanasche weiter nach oben, an Geröll und kleineren Steinen vorbei. Hier wächst ziemlich wenig, einige kleine Pflanzen die sich aus dem Boden nach oben kämpfen, ein paar Gräser und viele flache dornige Büsche.
Und Marienkäfer gibt es hier. Ich glaube ich habe noch nie so viele Marienkäfer auf einmal gesehen. Es sind beinahe die einzigen Insekten die es hier gibt. Es ist überhaupt eine Landschaft die man nicht jeden Tag sieht. Auf dem einen oder anderen Berg war ich schon, aber das hier ist etwas komplett anderes.
Wir gehen weiter bergauf. Hinter uns folgen ein paar Wolken, die uns nach kurzer Zeit überholen. Richtung angesteuertem Aussichtspunkt ist nichts mehr zu sehen, Richtung Tal auch nicht. Wir überlegen kurz ob wir wieder umkehren sollen, entschließen uns aber noch bis zum nächsthöheren Punkt weiter zu gehen.
Die Wolken ziehen wieder weg, und wir haben klare Sicht auf unser Ziel. Das letzte Stück ist noch einmal besonders Steil, dann sind wir endlich am Ziel und schauen in einen der großen Krater hinab. Vielleicht liegt es an der dünnen Luft, aber wir sind nicht einmal besonders enttäuscht darüber, dass wir doch keine roten Lavaflüsse zu Gesicht bekommen. Die schon schwarze, aber noch recht heisse Lava ist gut erkennbar. An einigen Stellen steigt Rauch aus dem Boden auf. Die Wolken über dem Krater fliegen durch die aufsteigende Warme Luft wild durch einander, in alle Richtungen, ein Schauspiel dass man, außer auf einem Vulkan, wahrscheinlich nicht oft sieht.
Nachdem wir dieses Erlebnis lange genug gewürdigt haben, machen wir uns wieder auf den Weg nach unten. Wir müssen uns in der weichen Asche und dem lockeren Geröll ständig abbremsen, was ziemlich anstrengend ist. Trotzdem ist der Abstieg viel schneller als der Aufstieg. Wieder in der Station angekommen, holen wir uns erst einmal unsere Energie mit Kuchen und Bier zurück, dann geht es (mit dem Auto) weiter zur Station Etna Nord. Der Guide in der vorherigen Station hatte recht: Außer Souvenirläden ist hier nicht viel spannendes zu sehen. Wir stellen uns zum übernachten auf einen Parkplatz. Hier oben auf dem Vulkan ist es ausnahmsweise mal verdammt kalt, und ein starker Wind drückt gegen das Auto. Wir schlafen trotzdem fest ein.
Ach ja, Bilder gibt’s bei Finn
Watt die kann, kann ich schon lange
Wir sind in Rom und tun, was Touristen so machen: Im Weg rum stehen, zu Stoßzeiten in ohnehin schon überfüllten U-Bahnen mitfahren, mit umgehängten Kameras herumlaufen und generell von Nichts eine Ahnung haben. Nebenbei haken wir noch das typische Rom-Programm ab: Colloseum, Spanische Treppe und dieser eine Brunnen, an dem immer hunderte von Touristen stehen. Ich freu mich, weil ich das alles nach ziemlich genau zehn Jahren noch einmal wieder sehe und das eine oder andere sogar wieder erkenne, Finn bekommt reichlich Motive zum fotografieren.
Das einzige was unsere Begeisterung etwas dämpft sind die Nachwirkungen des vorherigen Abends, die sich zusammensetzen aus einer Mischung aus billigem Wein, einem Campingplatz-Pub und der Entdeckung, dass man auch in Italien dänisches Bier kaufen kann.
Um den Kater zu bekämpfen fahren wir Abends nach Rom. Die Dame an der Rezeption weist uns noch darauf hin, dass der letzte Bus Richtung Campingplatz um Null Uhr zurück fährt, was für uns natürlich bedeutet: Wir machen die Nacht durch. Rom ist schliesslich eine Groß- und Hauptstadt und hat deswegen sicher genug Bars und Clubs in denen man die Nacht durch feiern kann.
Der Abend beginnt vielversprechend: Wir sitzen am Campo de Fiori in einer Bar und lernen durch Zufall ein paar Norweger kennen, die uns fragen ob wir nicht mit ihnen mit kommen wollen. Was folgt ist die Suche nach einer Bar mit genug freien Sitzplätzen und billigem Bier, etwas was hier offenbar irgendwie nicht wirklich zusammen passen will. Finn und ich gehen erstmal in einer andere Bar mit freien Plätzen (warum das so ist wird uns plötzlich klar, als wir für unser Guiness Fünf Euro bezahlen), als wir zurück kommen sind die Norweger weg.
Also geht es weiter in die ursprüngliche Bar, wo wir die Bedienung fragen, ob es denn gute Clubs in der Nähe geben würde (irgendeine Website hatte uns schließlich gesagt, dass man in Rom gerne House hört, also musste es dafür ja auch die entsprechenden Etablissements geben). Die Bedienung und ein Gast verweisen uns auf die Via della Anima. Dort angekommen: Wieder nur Bars, von Clubs keine Spur. Offenbar ist es doch etwas schwieriger in einer fremden Stadt die interessanteren Viertel zu finden.
Auf dem Weg zurück finden wir noch eine Bar die sich „Art Café“ nennt, und in die ich unbedingt noch einmal hinein will. Innen dominiert Weiss, die Neonröhren strahlen ihr kaltes Licht auf den schmalen Innenraum, es liegen die neuesten Ausgaben von diversen Kunst-, Design- und Modemagazinen herum. Es ist der Inbegriff des Kultur-rumgeposes und ich fühle mich sofort wohl. Finn macht ein eher angestrengtes Gesicht, der Laden schließt sowieso, also wir trinken jeweils unsere Cola aus und gehen weiter.
Den Rest des Abends verbringen wir dann zuerst mit Nachtbus-Irrfahrten in die entlegenen Winkel Roms. Endlich in Termini angekommen, setzen wir uns neben anderen Obdachlosen auf den Steinboden und versuchen zu schlafen. Was nicht ganz einfach ist, wenn sich Zwanzig Meter entfernt ein betrunkener Amerikaner im Deutschlandtrikot mit einem Nationalspieler irgend eines afrikanischen Landes unterhält. Ich setze die Kapuze meines Pullis auf, versuche weiter zu schlafen und warte weiter auf die erste Metro.
Ich sitze in einem Park auf einer Bank und betrachte ein Denkmal für den italienischen antifaschistischen Widerstand. Massive Steinblöcke, aus denen oben das Wort „Resistenza“ herausgeschlagen ist. Die Spuren an den Steinen deuten darauf hin, dass aus den Buchstaben sonst Wasser herunter läuft — Wasser, dass die Steine langsam auflöst. Leicht zu analysieren, klare Aussage, gutes Denkmal.
Überhaupt scheint es eine rege Antifa-Szene in La Spezia zu geben, wovon reichlich Graffiti zeugen. Eines kann sogar ich, ohne italienisch zu sprechen, mit „Forza Nuova friss Scheisse“ übersetzen. Ansonsten findet man das übliche, wie „Freiheit für alle Antifaschisten“ und auch so Sachen wie „Anti U.S.A“ und schiefe Hämmer und Sicheln. Dass neben der Sowjetunion eben auch die U.S.A. zu großen Teilen mitverantwortlich dafür waren, dass man hier überhaupt etwas an Wände sprühen kann ohne erschossen zu werden, wird offenbar gerne ignoriert. Wie gesagt, das übliche.
Ich sitze also vor dem Denkmal, denke über all dies nach, will aber eigentlich „Der Untergeher“ von Thomas Bernhard lesen, was mir aber auch wieder schwerfällt, da Herr Bernhard einen wenn auch interessanten, aber doch teilweise etwas langatmigen Schreibstil hat. Und während meine Gedanken irgendwo auf halbem Wege zwischen Thomas Bernhard und dem Antifaschismus hängen, spricht mich jemand an.
Trotz meiner Antifa-Graffiti-Übersetzungskünste versagt mein Italienisch hier, was ich dem Herren auf Englisch mitteile. Er fragt mich (jetzt auch auf Englisch) wo ich herkomme (ich beantworte es) und er kommt ein paar Schritte näher. Wir kommen ins Gespräch, er setzt sich neben mich auf die Bank.
Sein Englisch ist leider doch nicht ganz so gut, weswegen ich nicht alles auf Anhieb verstehe was er sagt und umgekehrt. Aber ich bin schließlich auch auf dieser Reise um Menschen kennen zu lernen, und eigentlich plaudere ich auch gerne mal mit Leuten, also höre ich ihm geduldig zu, stelle Fragen, und so weiter. Er kommt aus Algerien, seine Mutter ist aber aus Frankreich und er ist gerade, soweit ich das verstehe, mit einem Freund zusammen zu Fuss unterwegs durch Italien. Er war mal in Stuttgart, findet Deutschland toll, üblicher Smalltalk.
Wenn man sich mit Menschen unterhält lernt man ja immer Neues. Ich lerne, dass das Wort „Freund“ auch in anderen Sprachen die Doppelbedeutung hat wie im Deutschen. Wie sich herausstellt ist sein Freund also eben nicht einfach ein Freund, sondern halt sein Freund. Er erzählt mir er sei Bisexuell. Da kennen wir uns ungefähr drei Minuten.
Sein Freund ist Neunzehn, wie er mir erzählt, er selbst ist, meinen Schätzungen nach, Mitte Dreissig. Ist zwar ein recht großer Altersunterschied, aber das ist ja deren Sache, denke ich.
Er stellt mir auch Fragen, was ich denn sonst machen würde, ob ich alleine Reise, was mein Freund, mit dem ich unterwegs bin, denn jetzt gerade tut. Auf Anfrage erkläre ich dann auch, dass Finn wiederum in die Kategorie „ein Freund“ fällt, außerdem muss ich mehrere Male die Frage beantworten ob ich Schwul oder Bisexuell sei. Inzwischen ist mir aber gar nicht mehr so sehr danach viel über mich zu erzählen.
Ich versuche von der ganzen Gay-Schiene etwas weg zu kommen, und sage, dass La Spezia ja auch eine schöne Stadt sei. Damit komme ich aber auch nicht weit, denn entweder versteht mich mein Gesprächspartner nicht richtig oder er hat dann doch klare Vorstellungen wo die Unterhaltung hin gehen soll. Er sagt mir die Frauen in La Spezia wären ja generell nicht so toll (meine vorsichtige Anmerkung, ich hätte da schon ein paar sehr attraktive Exemplare gesehen, wird diskret überhört). Und ob ich seinen Freund nicht mal treffen wolle. Der taucht praktischerweise auch plötzlich irgendwo weiter hinten im Park auf, war vorher Joggen oder so ähnlich (wie gesagt, sein Englisch) und ich solle doch mal mitkommen und den jungen Mann kennen lernen.
Mein Gesprächspartner ist schon etwas in Richtung seines Freundes gegangen, ich stehe noch zögerlich ein paar Meter weiter hinten und überlege, ob mein ungutes Gefühl jetzt auf zu viel Misstrauen meinerseits zurück zu führen ist, oder ob ich mich wirklich aus dem Staub machen sollte. Ich entscheide mich für letzteres und gehe zurück zu Finn, der etwas weiter weg am Hafen sitzt. Leider werde ich so nie heraus finden, was der Herr im Park eigentlich von mir wollte, aber vielleicht ist es auch besser so.
Auch wenn wir schon längst in Italien sind, hier nochmal was aus Südfrankreich. In der Nähe von Giens (bei Marseille) habe ich tatsächlich ein Werk eines französischen Streetartists gefunden, der im allgemeinen nur als Invader bekannt ist. Wie zu erkennen ist, macht der Mensch Mosaike aus Space Invaders-Figuren. Die übertragung von Pixeln in Mosaiksteine und damit die übertragung von virtuellen Charakteren in die physische Welt, finde ich schon ziemlich genial. Die Space Invaders dringen quasi in die physische Welt ein, nichts ist vor ihnen sicher. Wie gesagt: genial. Weswegen ich auch froh war, endlich mal ein Mosaik von Invader direkt vor mir zu sehen, anstatt nur im Internet oder in Büchern.
Das Spätsommerlicht malt ein Muster von Palmen und Telefonmasten auf die Straße. Wir fahren die Küste entlang, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Wir werden nur immer vom Wind begleitet.
Der Wind kam kurz nach dem Sturm. Es ist ein heftiger Wind. Man kann kaum am Strand sitzen. Wir gehen trotzdem hinunter, um den Surfern auf dem milchig grünen Wasser zuzuschauen. Wir sind in Giens, einem der beliebtesten Spots in Frankreich, wovon an sich schon die vielen Surfbars und -Läden zeugen.
Auf einem Campingplatz höre ich, wie sich zwei Leute über den Wind unterhalten. Der eine sagt es sei ein Mistral, und dass der Wind noch einige Tage anhalten wird. Er ist wahrscheinlich auch Surfer. Uns bringt der Wind jedoch nicht weiter. Wir sind zu einem Stillstand gekommen. Finn hat sich sehr auf das Mittelmeer gefreut, und es tut mir Leid dass jetzt alles vom Mistral erdrückt wird.
Ich höre wie die Blätter der Bäume rauschen, als der Wind durch sie hindurch fährt, und wie das Meer rauscht, als der Wind über es hinüber weht. Da wo wir den Rausch einer Reise wollten, ist erst einmal nur noch ein rauschen übrig.
Eines Morgens ist der Wind weg.
Am Horizont liegen zusammengeknüllt ein paar Wolkenberge. Ich bemerke auf einmal, dass ich wieder Vögel hören kann. Man sieht auch wieder Insekten umher fliegen. Der Mistral hatte alles zum Stillstand gebracht, jetzt geht es aber weiter.
Wir fahren an der Küste entlang nach Saint Tropez und hören Air. Wozu man sagen muss, dass Air zwar an sich schon großartige Musik macht, diese Musik aber auf Südfranzösischen Küstenstraßen noch einmal um einiges besser wird.
Wir fahren durch Saint Tropez hindurch. Vielleicht hätten wir mehr Folgen von der gleichnamigen Telenovela sehen sollen, die vor vielen Jahren mal im Fernsehen lief, dann hätten wir eher gewusst was uns erwartet. Damit einem Saint Tropez gefällt, muss man offenbar reich und schön sein. Für alle anderen ist es nämlich nur ein langweiliges Touristendorf.
Wir fahren also weiter. Irgendwo finden wir einen Parkplatz an einem Strand und beschließen für die Nacht da zu bleiben. Das Meer ist noch vom Sturm aufgewühlt, und hohe Wellen schlagen an den Strand. Wir machen in der Nähe vom Strand, in einer kleinen Felsbucht ein Feuer. Oder besser gesagt, Finn macht das Feuer, ich sitze daneben und bin ehrlich begeistert darüber, wie er es schafft mit einem Feuerzeug, etwas Gras und ein wenig Holz tatsächlich ein Feuer anzuzünden.
Die Freude dauert aber nicht lange, da uns schon bald ein Franzose, der ein paar Meter von uns entfernt campt, erklärt, dass es hier verboten sei Feuer zu machen, die Polizei nach dem Rauch Ausschau halten würde und es zweitausend Euro Strafe kostet ein Feuer zu machen. Feuer wird also wieder ausgemacht. Später geht Monsieur Franz Hose mit seiner Frau zum wilden Liebesspiel in unsere Bucht. Vielleicht war das mit der Geldstrafe also auch nur ein Trick.
Am nächsten Tag sagen wir Franz Hose und seinen Freunden Lebewohl und fahren weiter nach Italien.
Im Ardeche-Tal
Die Wohnwagen vor uns schleppen sich den Berg hinauf. Wir folgen langsam. Der Motor wird warm. Über dem Tal liegt eine schwere, feuchte Hitze. Nur der Fahrtwind bringt etwas Abkühlung. Beim Blick hinab in die Tiefe wird mir etwas mulmig. Auch mein T-Shirt hat offenbar Angst, da es sich fest an mich klammert.
Die Straße hat uns schon einige hundert Meter hinauf getragen. Unten liegt der Fluss, die Ardeche, in seinem grünen Bett aus Bäumen. Neben uns ragen Felswände empor und überblicken schützend das Tal.
Wir fahren die Strecke zwischen Valon-Pont-d‘Arc und Pont St.Esprit. Es geht immer weiter den Berg hinauf. Die Straße windet sich um den Berg herum, als könne sie sich nicht entscheiden welcher Weg nach oben der beste ist.
Endlich sind wir auf dem höchsten Punkt, und sehen die Ardeche wieder, und die Landschaft um uns herum, die Berge im Hintergrund und kleine terrakottafarbene Dörfer. Wir steigen aus und gehen an den Rand der Straße, um alles sehen zu können. Finn macht einige Fotos.
Wir fahren weiter. Dem Motor tut die Abkühlung durch den Fahrtwind gut. Die Straße trägt uns vorsichtig nach unten. Der Weg folgt dem Fluss noch ein wenig, dann fahren wir weiter in Richtung Meer.
In der Camargue
Irgendwo, ganz weit hinten, ist eine Stadt. Um uns herum ist eine fast endlose Fläche, hier und da mit Büschen und Gräsern bewachsen. Wir fahren auf der Route Nationale 568 in Richtung Martigues. Die Straße zieht sich wie eine künstliche Ader durch die Landschaft und führt einen Strom von Autos in die ferne Stadt.
Neben der Straße sehen wir riesige Lagertanks, die von Stacheldraht und Stromzäunen umgeben sind. Teile von Frankreichs Ölreserven. Sie stehen dort wie Blutkonserven, mit denen man im Notfall das Sterben dieser Landschaft hinauszögern könnte.
Die Sonne steht schon tief über der Camargue, und die wenigen angepflanzten Bäume werfen lange Schatten. Wir fahren durch Martigue hindurch und noch etwas weiter, hinunter zum Mittelmeer.
Die erste Nacht am Meer verbringen wir auf einem Campingplatz in Carron. Der Himmel ist tief bewölkt und es regnet. Himmel und Meer bilden zusammen einen endlosen grauen Nebel. Ein Sturm zieht auf. Wir trinken fast unsere gesamten Alkoholvorräte aus, unser gesamtes Bier, eine Flasche Wein und noch einiges mehr. Als es dunkel wird, sehen wir weit entfernt einen roten Schimmer am Horizont, ein Feuer. Finn glaubt, dass es ein brennendes Schiff ist, dass auf dem Meer treibt.
Der Sturm wird in der Nacht heftiger. Unser Sonnensegel, dass wir als Regenschutz vor den Bus gespannt haben, löst sich. Finn rollt es noch in der Nacht wieder ein. Hinten an der Heckklappe tropft Regenwasser langsam und stetig auf mein Kopfkissen. Ich schlafe so tief, dass ich von all dem kaum etwas mitbekomme.
Am nächsten Tag sammeln wir die Flaschen, die der Wind in der Nacht verstreut hat, ein, und fahren weiter. Der Himmel ist inzwischen aufgeklart und man kann endlich das Mittelmeer wirklich sehen.
Wir fahren durch Marseille. Ich hatte mich sehr darauf gefreut diese Stadt zu sehen, und ich werde nicht enttäuscht. Leider ist es unmöglich mit dem Syncro einen Parkplatz zu finden. So fahren wir nur hindurch und sind fasziniert von den alten großen Häusern an den Straßen und dem Leben das auf einmal um uns herum herrscht. Marseille hat etwas besonderes. Ich frage mich wie die Stadt bei Nacht aussieht. Vielleicht kehre ich irgendwann noch einmal zurück um es heraus zu finden.
Letztens fuhren wir an einer Apotheke namens „Stalingrad“ vorbei, was mich zu folgendem schrägem Gedicht inspirierte:
1943
Der Deutsche wollt‘ die Ostfront haben
Und der Winter war sehr hart
Der Landser dacht‘ er hätt‘ den Sieg
Doch der Russe stahl ihn grad‘
Ernsthaftere Reiseberichte folgen demnächst wieder.
Vorgestern sind wir wieder aus Speyer weg gefahren. Die Zeit bei Lotte, die Finn noch vom Studium in Sønderborg kannte, und ihre Mutter Vera war der optimale Zwischenstopp vor Frankreich. Lotte war nicht nur eine sehr gute Gastgeberin, sondern auch exzellente Fremdenführerin (und so können wir jetzt endlich von uns sagen, dass wir von der Gedächtniskirche über den Dom bis zur Innenstadt alles wichtige in Speyer gesehen haben).
Am ersten Abend nahm Lotte uns mit auf zwei Parties, auf denen wir verschiedene nette Leute kennen gelernt haben. Die zweite Party war auch noch eine „Bad Taste“-Party, zum Glück konnten wir uns aber noch was von Lotte zum anziehen leihen. Ich hatte fast überlegt das Kleid mitzunehmen, da es mir doch sehr gut stand, hab es dann aber doch gelassen, wegen des fehlenden Platzes im Syncro.
Der Samstag war eher entspannt. Am Sonntag waren wir noch alle vier im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (eine Wanderung zu irgend einer nahe gelegenen Burg konnte durch diesen Vorschlag gerade noch abgewehrt werden). Das ZKM ist natürlich an sich schon interessant, wenn man aber selbst auch was mit Medien macht und sich darüber hinaus auch für Medienkunst interessiert, ist es um so besser! Vor allem war man nicht einfach nur Betrachter, sondern Benutzer der Ausstellung, indem man mit den meisten Werken irgendwie interagieren konnte.
Am Montag fuhren wir dann weiter Richtung Frankreich, zuerst nach Strasbourg, dann weiter nach Colmar und in Richtung Mittelmeer. Kurz hinter Colmar haben wir dann in einem kleinen Dorf gecampt, um gestern dann weiter nach Lyon zu fahren.
Lyon ist auf jeden Fall eine sehenswerte Stadt, auch wenn wir nur kurz durch gefahren sind. Sollte einer der werten Leser mal die Chance haben dort hin zu fahren oder zu fliegen, sollte er/sie das sofort tun. Zumindest ein Denkmal Antoine de Saint-Exupérys und des kleinen Prinzen konnte ich im vorbeifahren kurz sehen. Und auch einiges anderes was Sehenswürdigkeitsmäßig aussah, ohne dass ich jetzt genau sagen konnte was es war (so Häuser mit Kreuz oben drauf, aber eher wie Kirchen als wie Krankenhäuser).
Hinter Vienne (einige Kilometer von Lyon entfernt) sind wir gestern auf einen Campingplatz gefahren. Bei der Konversation mit dem Besitzer des Campingplatzes stellte sich heraus, dass Finn offenbar doch nicht so schlecht Französisch spricht wie er immer getan hat. Während er relativ mühelos alles wichtige verstanden hat was der Mann sagte, erschien mir plötzlich Fangel, mein ehemaliger Französischlehrer, in einer Vision, und sagte mir, wie schon in der 11. Klasse, dass ich es irgendwann bereuen würde dieses Fach abzuwählen. Ich hasse es wenn sich solche Ermahnungen doch noch als richtig herausstellen, vor allem wenn es irgendwo in der französischen Wildnis auf einem Campingplatz ist.
Nachdem wir da jetzt die Nacht verbracht haben, werden wir heute weiter in Richtung Marseille und Mittelmeer fahren.


